Der Rheinländer Kanarienvogel teilt seine Geschichte mit anderen Kanarienrassen. Die Geschichte des Kanarienvogels beginnt Ende des 15. Jahrhunderts mit der Eroberung der kanarischen Inseln durch die Spanier. Dort fanden sie den Urvater des heutigen Kanarienvogels: den Kanarengirlitz (wissenschaftlicher Name Serinus canaria). Er ist auch auf den Azoren und Madeira heimisch. Bis heute sind aus dem Kanarengirlitz viele Rassen entstanden und generell kann man alle Kanarien in drei Gruppen aufteilen:

  1. Positurkanarien
  2. Gesangskanarien
  3. Farbkanarien
Zwei Kanarengirlitze auf Teneriffa sitzen auf einem Ast
Zwei Kanarengirlitze auf Teneriffa (Foto – Martin Gloor 2019)

Wie der Name schon vermuten lässt, geht es bei der Gesangskanarien um Gesang, bei der Farbkanarien um die Farbe und bei der Positurkanarien um die Positur oder Gestalt. Die Positurkanarien sehen deutlich anders als typische Finkenartige und genau diese Merkmale werden weiter typisiert und gezüchtet.  Obwohl es heute schon viele Positurkanarien gibt, werden noch immer neue Rassen gezüchtet. Die bekanntesten Positurrassen sind: Border, Fife, Yorkshire, Lancashire, Lizard, Deutsche Haube, Gloster, Raza Español, Scotch, Berner, Irisch Fancy, Bossu Belge, Japan Hoso, Münchner, Pariser Trompeter, AGI, Mehringer, Fiorino, Norwich usw.…

Um ein Überblick über so viele Positurrassen zu schaffen, haben wir einzelne Gruppen, wo die mehrere Rassen hingehören. Einige Gruppen sind Frisékanarienrassen (Pariser Trompeter, AGI, Mehringer, Paduaner, Fiorino…), Zeichnungskanarien (Der Lizard und London Fancy), große glatte Rassen (Der Berner, Yorkshire, Lancashire, Der Llarguet Español, der Norwich, Der Crest) usw… Der Rheinländer Kanarienvogel zählt zur gebogenen Kanarienrassen (auch Figurenkanarien genannt) und wird von der Interessengemeinschaft der glatt befiederten Figurenkanarien betreut. Mehr über Dilemma, ob die Rasse gebogen ist oder nicht, ist hier zu lesen.

Es ist eine relativ junge Positurkanarienrasse aus Deutschland. Der Erzüchter der Rasse ist Horst Noffke. In nur wenigen Jahren schuf er die Rasse Rheinländer. Die Geschichte begann im Jahr 1979 auf einer Rasseschau: “Die Entstehung dieser Rasse geht auf ein Schlüsselerlebnis von Horst Noffke anlässlich des Besuchs der Positurkanarienschau in Ans bei Lüttich zurück. Dort sah Noffke (..) Gloster, die deutlich zu schlank waren und mit ihrer Figur eher an Miniatur Lancashire erinnerten.” 1) Dr. Hans Claßen – Werner Kolter: Die Positurkanarien, Eigenverlag, 2005, S. 55.

Die Rasse wurde in Hilden, nicht weit von der NRW-Landeshauptstadt Düsseldorf erzüchtet. ” Da er zu dieser Zeit in Hilden im Rheinland lebte, bot sich der Name „Rheinländer“ förmlich an”. 2) Thomas Müller – Uwe Feiter: “Rassebeschreibungen der in Deutschland anerkannten Positurkanarienrassen”, unter: http://www.wfv-dkb.de/SammelmappeggR17.pdf, (abgerufen am 13.11.2019).

Der Name der neuen Rasse hat Hermann Heinzel vorgeschlagen. Unterstützt wurde er von Paul Pütz und anderen Züchtern. Als Vogelzeichner und Ornithologe entwarf er die erste Skizze der neuen Rasse. Bis dahin hieß die Rasse Eurasier – Gloster (Europa) + Japan Hoso (Asien). Das geschah im Jahr 1988 in Coesfeld. 3) Thomas Müller – Uwe Feiter: Faszination Positurkanarien – eine Leidenschaft für´s Leben, Hanke Verlag, 2010, S. 194.

Die Rasse entwickelt sich als Kreuzung zwischen obengenannten Kanarienrassen: Gloster und Japan Hoso. Sein Vorbild war jedoch der Lancashire des späten 19. Jahrhunderts. “Noffke fasste den Entschluss, einen Miniatur-Lancashire nach dem Vorbild des Lancashire aus dem alten Vogelbuch zu züchten”. 4) Thomas Müller – Uwe Feiter: Faszination Positurkanarien – eine Leidenschaft für´s Leben, Hanke Verlag, 2010, S. 194. Umgangssprachlich wird der Rheinländer oft Miniatur – Lancashire genannt. Horst Noffke hat seine Zuchtvögel von mehreren Züchtern erhalten. Heinrich Haake, ein Gloster Züchter aus Niedersachsen hat mir geschrieben, dass er mehrere lipochrome Gloster für diese Zwecke bereitgestellt hat.

Die nationale Anerkennung als eigenständige Rasse erhielt der Rheinländer im Jahr 1989. Mehrere Züchter waren dafür zuständig, dass die Rasse schnelle Fortschritte machte. Einer der bedeutendsten ist Hermann Schendel. Mit Rheinländer Kollektion hat er geschafft viermal hintereinander deutscher Meister zu werden. Erstes Mal 1991 in Mainz mit 365 Punkte, 1992 in Münster mit 343 Punkte, 1993 in Mannheim mit 342 Punkte und zuletzt 1994 in Ulm mit 360 Punkte! Weiter wird im Buch “Faszination Positurkanarien – eine Leidenschaft für´s Leben” auch Josef Hellenbrand aus Geilenkirchen als einer der wichtigsten Züchter der Rasse erwähnt: “Nicht zuletzt Josef Hellenbrand aus Geilenkirchen ist es zu verdanken, dass die Rasse in kürzester Zeit enorme Fortschritte verzeichnen konnte. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit seinem züchterischen Geschick, die Entwicklung dieser schönen Rasse weiter voran zu bringen.” 5) Thomas Müller – Uwe Feiter: Faszination Positurkanarien – eine Leidenschaft für´s Leben, Hanke Verlag, 2010, S. 204. Eine Übersicht der DKB Ranglisten zwischen 1990 und 2019 zeigt deutlich wer bei der DKB der Nase vorne hat.

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Im Jahr 2004 folgte die internationale Anerkennung der Rasse. Fritz Emrich schreibt in seinem Bericht über Noffkes Verdienst, dass der Rheinländer “(…) anlässlich der COM-Schau 2004 in Lausanne die wohlverdiente internationale Anerkennung fand”. 6)Fritz Emrich: “Pro gebogene glatt befiederte Positurkanarienrassen” , unter: http://wp2017.gebogene-kanarienrassen.de/wp-content/uploads/2018/09/bericht_fritz_emrich_01.pdf (abgerufen am 14.11.2019).

Lancashire aus dem alten Vogelbuch: W. A. Blakstonn : The illustrated book of canaries and cage-birds, British and foreign, London, Cassell, Petter, Galpin & Co., 1878

Wie so manche andere deutsche Kanarienrassen (Münchner, Harzer Roller), ist der Rheinländer heutzutage seltener geworden.

Die Rasse leidet unter für Rheinländer atypischen Merkmalen, wie zum Beispiel keine aufrechte Haltung, was durch die Kreuzung mit anderen Kanarienrassen (Raza español) entstanden ist. Ein weiteres Problem ist, dass es nur wenige intensiv gefärbte Zuchtvögel gibt.

Deswegen braucht der Rheinländer unbedingt mehr Begeisterung und Akzeptanz bei den Züchtern in Deutschland.

Glücklicherweise wird er in den Niederlanden und auch in Belgien immer noch häufig gehalten. Wenn man die Ergebnisse der COM Weltmeisterschaften beobachtet, wird deutlich klar, dass Rheinländer Kanarienvogel auch in anderen europäischen Länder gezüchtet wird, wie zum Beispiel in der Türkei, Spanien, Portugal, Italien oder Griechenland.

Am 01. November 2019 fand die 35. int. Spezialschau der gebogenen, glatten Kanarienrassen im holländischen Meijel statt. Es wurden 385 Vögel ausgestellt – Bossu Belge, Scotch Fancy, Münchner, Japan Hoso und 34 Rheinländer. Der Champion ist ein Rheinländer! Mit 94 Punkten wurde der Vogel von Theo Minten zum Sieger gekürt 7)Katalog der 35. Int. Spezialschau der gebogenen glatten Kanarienrassen, erstellt von H.H, 2019 Darauf folgten zwei Corona Jahren, 2020 sogar ohne Ausstellungen und Bewertungen. Ob sich die Qualität in Zwischenzeit verbessert hat, kann man nur raten.

Champion – Sieger der gebogenen Kanarienrassen 2019 – eine schimmel Haube (Foto – Zeljko Madaric)

Author: Zeljko Madaric 2019 -2021

Quellen[+]